Wenn die Welt plötzlich Kopf steht: Russland und seine Deutschen

In diesen Tagen jährt sich die Russische Revolution von 1917 zum 100. Mal. Ein Ereignis, das – zusammen mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges drei Jahre zuvor – das Leben der Familie meiner Großmutter väterlicherseits vor hundert Jahren komplett veränderte. Aber wie kam es dazu? Anlaß genug für mich, mal wieder meinen russischen Familienzweig und mit ihm die wechselvolle Geschichte der Deutschen in Rußland ein wenig zu beleuchten.

Lange Tradition

Sankt Petersburg 1902 | Foto: Wikimedia / Brockhaus Konversations-Lexikon, 14. Aufl. 1902 - Ahnenforschung Russland Rußland St. Petersburg

Sankt Petersburg 1902 | Foto: Wikimedia / Brockhaus Konversations-Lexikon, 14. Aufl. 1902

So wie über eine sehr lange Zeit viele Deutsche z.B. am Schwarzen Meer, an der Wolga, in Wolhynien und im Kaukasus siedelten, hat auch die Anziehungskraft St. Petersburgs auf deutsche Einwanderer eine sehr lange Tradition. Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts kamen die ersten Deutschen auf Geheiß Peters des Großen an die Ufer der Newa, und mit ihrer Hilfe entstand dort die neue russische Hauptstadt nach europäischem Vorbild. Dieser deutsche Einfluß spiegelte sich nicht zuletzt auch im Namen der Stadt wider: Sankt Petersburg.

Meine Urgroßmutter Wanda Skron, war, obwohl 1879 in St. Petersburg geboren, lt. Unterlagen preußische Staatsangehörige bzw. „Reichsdeutsche“. Ihre Eltern stammten aus Ostpreußen, waren beide in Königsberg geboren und heirateten im Jahre 1878 in St. Petersburg.

Mein Urgroßvater Julius Kruse wurde 1871 in Dorpat (heute Tartu in Estland) im damaligen Gouvernement Livland geboren, das zu dieser Zeit zum Russischen Reich gehörte. Er ging dann später als Kaufmann nach St. Petersburg, wo er Wanda traf.

Sie waren Teil des vielfältigen deutschgeprägten Lebens dort. Ich habe ihre Spuren in deutschsprachigen Zeitungen, in Schülerverzeichnissen der deutschen Schule und auch in Kirchenbüchern der deutschen lutherischen Gemeinde St. Petri finden können.

Schon in den 1860er und 1870er Jahren setzten Bestrebungen ein, Privilegien und Sonderregelungen einzelner ethnischer Gruppen wie der deutschen abzuschaffen. Im Juni 1871 trat schließlich das sogenannte Angleichungsgesetz in Kraft. In den deutschen Kolonien im übrigen Russischen Reich waren die Auswirkungen vermutlich zunächst stärker zu spüren als in der Großstadt St. Petersburg. Nichtsdestotrotz veränderte sich das deutsche Leben auch hier zunehmend.

Rückkehr-Bescheinigung Kruse 1918 | Foto: Anja Klein - Ahnenforschung Russland

Rückkehr-Bescheinigung Kruse 1918 – Ausschnitt | Foto: Anja Klein

Mit Beginn des I. Weltkrieges gab es  1914 eine herbe Zäsur in den deutsch-russischen Beziehungen. Damit war es dann endgültig vorbei mit dem angenehmen Leben, denn mit Deutschland war Rußland nun offiziell im Krieg und im Zuge dessen wurden auch Deutsche und Deutschstämmige – die „inneren Deutschen“ – im Zarenreich zunehmend angefeindet. Es gab Übergriffe auf deutsche Einrichtungen wie die Botschaft und schließlich wurde sogar verboten, in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen. Außerdem wurden dann noch bis Ende 1914 deutsche Institutionen geschlossen und deutschsprachige Zeitungen eingestellt. Symbolisch für das Ausmerzen alles Deutschen kann man auch die im August 1918 erfolgte Umbenennung St. Petersburgs in Petrograd ansehen.

 

Das jahrhundertelange doch recht friedliche Miteinander in St. Petersburg ging dem Ende zu, und spätestens 1918 war die Welt auch für meine Großmutter Jeanette eine völlig andere. Wie müssen diese Jahre für meine Oma und ihre Familie gewesen sein?

Flucht aus Rußland

Rückkehr-Bescheinigung Kruse 1918 | Foto: Anja Klein - Ahnenforschung Russland

Rückkehr-Bescheinigung Kruse 1918 | Foto: Anja Klein

Von Flucht bzw. „Rückkehr“ erzählt ein zerbrechliches Dokument vom 17. August 1918, das ich tatsächlich auch nach fast 100 Jahren noch in einigermaßen gutem und leserlichem Zustand in meinen Händen halte. Es handelt sich dabei um eine deutsch- und russischsprachige „Bescheinigung“ der Kommission für Kriegsgefangene, Zivilverschickte und Rückkehrer, Abt. St. Petersburg darüber, daß meine Urgroßmutter Wanda und ihre 5 Kinder „Rückkehrer sind und in ihre Heimat Reval zurückkehren“. Das ist schon bemerkenswert, da sie alle sechs ja dort nie wohnten, sondern immer in St. Petersburg gelebt hatten. Einzig mein Urgroßvater hatte einen direkten Bezug zu Estland, da er in Dorpat (heute Tartu) geboren und aufgewachsen war. Aber daß er je in Reval (heute Tallinn) gewesen ist, konnte ich bisher nicht herausfinden bzw. belegen. Wie kam es bloß zu dieser Formulierung?

Und weiter im Dokument: „Ausgestellt auf Grund Art. XXI Kap. 6 des BRESTER Friedensvertrages.“  Hintergrund: Durch diesen Vertrag waren das Deutsche Reich mit Österreich-Ungarn und das sowjetische Rußland keine Kriegsgegner mehr.

Das finde ich immer wieder faszinierend: Weltgeschichtlich große Ereignisse, die massiv in das Leben der kleinen Leute eingreifen.

Wohl im August 1918 verließ also meine Urgroßmutter Wanda mit den 5 Kindern St. Petersburg in Richtung Reval in Estland – für immer. Estland hatte schon im Februar 1918 seine Unabhängigkeit vom Russischen Reich erklärt. Angeblich nahmen sie den Weg über ein Lager in Pskow, das nahe der russisch-estnischen Grenze lag und wohl in der Zeit von deutschen Truppen besetzt war. Da mein Urgroßvater Julius in dem Dokument nicht auftaucht: War er eigentlich auch dabei? Wenn nicht, wann und wie gelang er nach Estland?

Spannende Ereignisse, die Fragen über Fragen aufwerfen und die ich natürlich unbedingt weiter recherchieren möchte.

Welche folgenreichen Ereignisse haben das Leben Deiner Vorfahren in andere Bahnen gelenkt? Erzähl uns gern in den Kommentaren unten von Deinen Erkenntnissen.

 


Wenn Dich das Thema auch interessiert: Rußland und seine Revolution sind in diesen Wochen in aller Munde. Es gibt auch im deutschsprachigen Raum zahlreiche Veranstaltungen rund um das Thema: Ausstellungen, Kongresse, Vorträge und vieles mehr – auch bei Dir in der Nähe.

Und wer in Buchform mehr über die Geschichte der Deutschen in Rußland erfahren möchte, dem empfehle ich einen echten „Wälzer“: Die Deutschen im Zarenreich von Ingeborg Fleischhauer*

 

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