Die NSDAP-Mitgliederkartei in den US National Archives (NARA): Ein Recherche-Leitfaden

Wer zu einer Person aus der Zeit des Nationalsozialismus forscht, stößt früher oder später auf die Frage nach einer möglichen NSDAP-Mitgliedschaft. Im Rahmen der Familienforschung und der Erforschung der deutschen Zeitgeschichte in den 1920er, 1930er und 1940er Jahren sind entsprechende Nachweise oft ein wichtiger Baustein, um Lebensläufe besser zu verstehen oder historisch einzuordnen.

Ein großer Teil der dazu relevanten Unterlagen ist inzwischen digital über die US National Archives (NARA) in den USA zugänglich. Die dort verfügbaren Bestände gehen auf die Unterlagen des Berlin Document Center (BDC) zurück, das nach 1945 umfangreiche personenbezogene NSDAP-Dokumente verwahrte und erschloß, die in der Nachkriegszeit beschlagnahmt worden waren.

NSDAP-Unterlagen in den US National Archives (NARA)

Bevor wir uns genauer in die Mitgliederkarteien vertiefen, ist es sinnvoll, sich einen Überblick über die insgesamt in den National Archives verfügbaren Bestände mit NSDAP-Bezug zu verschaffen.

NSDAP-Mitgliederkartei in den US National Archives (NARA) – Der Weg zur Karteikarte | Grafik: Anja Kirsten Klein/NotebookLM

NSDAP-Mitgliederkartei in den US National Archives (NARA) – Der Weg zur Karteikarte | Grafik: Anja Kirsten Klein/NotebookLM

 

1. Die oberste Ebene: Record Group 242

Alle beschlagnahmten deutschen Unterlagen sind in der Record Group 242 enthalten, die offiziell als National Archives Collection of Foreign Records Seized bezeichnet wird.

Diese Dokumentengruppe wurde 1947 für beschlagnahmte ausländische Unterlagen eingerichtet, die während oder am Ende des Zweiten Weltkriegs von den Achsenmächten sichergestellt wurden, darunter große Mengen deutscher Akten.

2. Die mittlere Ebene: Mikrofilm-Publikationen

Innerhalb der Record Group 242 sind die Dokumente in verschiedene Publikationsserien unterteilt, wobei für die NSDAP-Recherche die folgenden am wichtigsten sind:

  • A3340: Zentrale Serie für biographische Forschungen zur NSDAP-Mitgliedschaft mit über 15.000 Rollen mit Dokumenten zu schätzungsweise 10,7 bis 12,7 Millionen Personen, die der Partei zwischen ca. 1927 und 1945 beitraten – Überlieferungsquote: Etwa 80 % aller ursprünglichen Mitgliedschaften sind über diesen Bestand nachweisbar
  • T81: Enthält allgemeine Aufzeichnungen der NSDAP und des Deutschen Ausland-Instituts
  • T84: Sammlung (Miscellaneous German Records Collection) beinhaltet unter anderem lokale Mitgliederlisten und Tätigkeitsberichte, etwa für Berliner Bezirke oder bayerische Gemeinden
  • T580: Enthält „nicht-biographische“ Unterlagen verschiedener NSDAP-Ämter sowie private Papiere einiger NS-Führer

 

3. Die untere Ebene: Serien und Unterserien (am Beispiel A3340)

Exemplarisch schauen wir hier die in der Record Group 242 besonders relevante Mikrofilm-Publikation A3340 mit biographischer NSDAP-Mitgliederunterlagen an. Sie ist wiederum in spezialisierte Serien unterteilt, die die Verwaltungsstruktur der Partei widerspiegeln.

  • Hauptkarteien:
    • MFKL (Zentralkartei): 3.167 Rollen – alphabetisch sortierte Stammdatenbank der Parteizentrale, die beim Reichsschatzmeister in München geführt wurde
    • MFOK (Ortsgruppenkartei): 2.275 Rollen – ursprünglich regional (geographisch nach Gauen) sortiert, 1945 durch US-Behörden in eine rein alphabetische Serie umgewandelt
  • Ergänzende biographische Serien:
    • PK (Partei-Korrespondenz): über 6.180 Rollen – mit Briefwechseln zwischen Mitgliedern und der Reichsleitung zu Wohnungswechseln, Ausschlüssen oder Dossiers
    • OPG (Oberstes Parteigericht): 1.292 Rollen mit Akten zu Disziplinarverfahren, Parteiausschlüssen und Gnadengesuchen
    • NSDAP-A (NSDAP-Anträge): 120 Rollen mit Original-Aufnahmeformularen mit oftmals detaillierten persönlichen Angaben
    • PC (Party Census 1939): 121 Rollen mit Ergebnissen der parteiinternen Volkszählung vom Juli 1939
    • RWA (Rückwandereramt): 123 Rollen mit Unterlagen zu Parteimitgliedern, die aus dem Ausland zurückkehrten

 

4. Zugehörige Bestände weiterer Organisationen

Parallel zur NSDAP-Kartei werden in der Hierarchie auch die Unterlagen der Gliederungen und angeschlossenen Verbände als eigene Publikationen geführt, wie etwa

  • A3341: SA-Personalakten
  • A3342: Unterlagen der Einwandererzentralstelle
  • A3343: SS-Personalakten

Handbuch zum Berlin Document Center (BDC)

Wer tiefer in die Systematik und die Bestände aus dem ehemaligen Berlin Document Center eintauchen möchte, dem empfehle ich die umfangreiche Publikation von George Leaman von 1994 mit dem Titel The Holdings of the Berlin Document Center: A Guide to the Collections.

Fokus auf die NSDAP-Mitgliederkarteien

Der wichtigste Einstiegspunkt für die Mitgliederrecherche ist innerhalb der Record Group 242 und der Publication A3340 die Serie Records Relating to Membership in the Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), die im NARA-Katalog unter der Signatur NAID 12044361 zu finden ist.

Steckbrief zum Bestand

AnbieterUS National Archives and Records Administration (NARA)
Dokumentengruppe (Record Group)RG 242 – National Archives Collection of Foreign Records Seized
Microfilm PublicationA3340
SerieRecords Relating to Membership in the Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP)
Katalog-IDNAID 12044361
Umfang5.442 Akteneinheiten (File Units, insgesamt 16.268.266 digitale Objekte), davon MFKL (Zentralkartei) mit 3.167 Rollen und MFOK (Ortsgruppenkartei) mit 2.275 Rollen
Zeitraumetwa 1927–1945
ProvenienzUnterlagen aus dem Berlin Document Center
ZugangNational Archives Catalog: https://catalog.archives.gov/id/12044361

Innerhalb der Serie Records Relating to Membership in the Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) sind vor allem zwei Karteien wichtig:

Die beiden zentralen Mitgliederkarteien

Der Kernbestand der NSDAP-Mitgliederkarteien bei NARA besteht aus zwei großen Karteisystemen, die ursprünglich von der NSDAP selbst geführt wurden und später im Berlin Document Center verwahrt wurden.

NSDAP Zentralkartei (MFKL)

  • 3.167 Mikrofilmrollen
  • alphabetisches Mitgliederregister der Parteizentrale

NSDAP Ortsgruppenkartei (MFOK)

  • 2.275 Mikrofilmrollen
  • regionale Mitgliederregistratur nach Ortsgruppen

Beide Karteien enthalten personenbezogene Karteikarten. Sie unterscheiden sich hauptsächlich darin, wie die Mitglieder erfaßt wurden: einmal zentral alphabetisch, einmal über die lokale Parteiorganisation.

Typische Angaben auf den Karteikarten

Die Karten enthalten genau die Informationen, die für genealogische Recherchen besonders wertvoll sind. Häufig finden sich:

  • Name und Vorname
  • Geburtsdatum
  • Geburtsort
  • Beruf
  • Mitgliedsnummer
  • Eintrittsdatum in die NSDAP
  • Gau und Ortsgruppe
  • Wohnadresse oder Adreßänderungen
  • Hinweise auf Austritt, Ausschluß oder Tod

Gerade die Kombination aus Namen und Geburtsdaten ermöglicht oft eine relativ sichere Identifizierung einer Person.

Verbleib der ursprünglichen Papierunterlagen

Die Originalüberlieferung dieser NSDAP-Mitgliederkarteien wurde an Deutschland zurückgegeben und liegt heute im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde.

Dort ist sie jedoch nicht frei online zugänglich. Auskünfte erhält man in der Regel nur über schriftliche Anfragen, die je nach Auslastung auch längere Bearbeitungszeiten von vielen Monaten haben können.

 

So recherchierst Du Schritt für Schritt

Die Recherche im NARA-Katalog ist grundsätzlich nicht so kompliziert, erfordert aber ein wenig Systematik. Wenn Du strukturiert vorgehst, kommst Du meist relativ geschmeidig und schnell ans Ziel. Hier sind die meiner Meinung nach fünf elementaren Schritte für eine erfolgreiche Recherche:

1. Vorbereitung der Suche

Bevor Du mit der Recherche beginnst, sammle möglichst viele Eckdaten zur gesuchten Person:

  • vollständiger Name mit möglichen Schreibvarianten
  • Geburtsdatum oder Geburtsjahr
  • Geburtsort

Gerade bei häufigen Namen helfen Geburtsdaten enorm bei der Zuordnung.


2. NARA-Katalog: Einstieg

Der wichtigste Einstiegspunkt für eine Recherche in den National Archives ist der National Archives Catalog, der unter https://catalog.archives.gov erreichbar ist.

Du kannst entweder:

National Archives (NARA): NSDAP-Mitglieder-Kartei - Suchfunktion "Search within this Series" | Screenshot: Anja Kirsten Klein/National Archives

National Archives (NARA): NSDAP-Mitglieder-Kartei – Suchfunktion „Search within this Series“ | Screenshot: Anja Kirsten Klein/National Archives


3. NARA-Katalog: Suchtechniken

Der NARA-Katalog unterstützt mehrere Suchmethoden, die Du bestenfalls alle ausprobieren solltest. Nützlich sind besonders:

  • Mehrere Suchbegriffe kombinieren:
    • Format: Nachname Vorname
    • Katalog interpretiert mehrere Begriffe automatisch als AND-Suche
  • Exakte Phrasensuche
    • Format: "Max Mustermann"
    • Suche nur nach genau dieser Wortkombination in dieser Reihenfolge
    • Es empfiehlt sich, mehrere Suchbegriffe in verschiedener Reihenfolge zu kombinieren: "Max Mustermann" und "Mustermann Max"
  • Operatoren
    • AND
      • Format: Mustermann AND Hamburg
      • UND-Verknüpfung von Suchbegriffen:
    • OR
      • Format: Mustermann ODER Müstermann
      • ODER-Verknüpfung von Suchbegriffen
    • NOT:
      • Format: Mustermann NOT Hamburg
      • Ausschluß von Suchbegriffen
  • Wildcards
    • Ein Sternchen erweitert einen Suchbegriff: Müll*
    • findet z. B. Müller oder Müllner oder Müllermann
    • sinnvoll auch für Vornamen, die abgekürzt enthalten sein können
  • Umlaute
    • Der Katalog ignoriert Diakritika (an Buchstaben angebrachte kleine Zeichen wie Punkte, Striche, Häkchen, Bögen oder Kreise, die die Aussprache verändern, z.B. Punkte bei Umlauten).
    • Es empfiehlt sich dennoch, Varianten zu testen: z.B. MüllerMuellerMuller

4. Navigation innerhalb der digitalen Mikrofilme

Viele Treffer im Suchergebnis führen nicht direkt zu einer einzelnen Karte, sondern zu einer PDF-Datei bzw. Bildserie, die einer Mikrofilmrolle entspricht.

Das bedeutet:

  • eine Datei kann hunderte oder tausende Karten enthalten
  • man muß innerhalb der Datei oft alphabetisch blättern
National Archives NARA - NSDAP-Mitgliederkartei - Suchergebnis | Screenshot: Anja Kirsten Klein/National Archives

National Archives (NARA): NSDAP-Mitgliederkartei – Suchergebnis | Screenshot: Anja Kirsten Klein/National Archives

 

Bekommst Du einen oder mehrere Treffer in der Suchergebnisliste angezeigt, dann

  1. öffne dafür zunächst aus der Trefferliste heraus die einzelnen Trefferseiten in einem neuen Browser-Tab (z.B. bei Windows mit Rechtsklick auf den Link)
  2. notiere die URL (Link zur Datei): z.B. die URL https://catalog.archives.gov/id/598443722  für die Akteneinheit/“Filmrolle“ A3340-MFOK: Number F0040
  3. notiere den Dateinamen: z.B. A3340-MFOK-F0040.pdf – zu finden unter den angezeigten Bildern
National Archives NARA - NSDAP-Mitgliederkartei - Beispiel für Dateiname | Screenshot: Anja Kirsten Klein/National Archives

National Archives (NARA): NSDAP-Mitgliederkartei – Beispiel für einen Dateinamen des Bestandes A3340 | Screenshot: Anja Kirsten Klein/National Archives

 

Ergebnis mit markierten Treffern in der Seitenleiste

In Fällen, wo in der rechten Seitenleiste Treffer angezeigt („Search terms found„) und grün bzw. blau markiert sind:

  1. rufe die Detailseite des verlinkten Treffers auf
  2. ist die Karteikarte für Deine Forschung relevant, lade die Seite über die Schaltfläche Download ganz links am unteren Rand des schwarzen Bereichs lokal herunter
  3. blättere eine Seite vor und zurück, um ggfs. dazugehörige Seiten ebenfalls zu sichern

 

 

Ergebnis ohne markierte Treffer in der Seitenleiste

In Fällen, wo in der rechten Seitenleiste kein Treffer angezeigt wird:

  1. lade Dir die Datei(en) dann am besten auf den Rechner herunter, um sie lokal durchblättern zu können – das geht meist schneller, als wenn man online durchblättert
  2. blättere stichprobenartig durch, am besten rechts in der Miniatur-Vorschauansicht der einzelnen Seiten, und schaue auf ausgewählten Seiten nach dem Anfangsbuchstabe der genannten Person (z.B. R bei Radtke), dann die ersten beiden Buchstaben (z.B. Ra bei Radtke) usw.  – so kannst Du Dich Unterlagen mit den passenden Anfangsbuchstaben annähern
  3. enge den in Frage kommenden Bereich von Seiten vom oberen und unteren Ende her ein – z.B. für die Suche nach Radtke zwischen „oben“ S. 735 mit Radt und „unten“ S. 803 mit Raduwil

5. Wichtige Daten aus einem Treffer notieren

Wenn Du eine passende Karte gefunden hast, lade Dir die Seite nicht nur herunter, sondern notiere auch unbedingt die wichtigsten Angaben zur Fundstelle:

  • Serienname und NARA-Katalog-ID
  • Nummer der Mikrofilmrolle
  • Dateiname
  • Seiten- oder Bildnummer (z.B. 218 von 2.678)

Diese Angaben sind später hilfreich für Zitate, Notizen oder erneute Recherchen.

Mache Dir z.B. auch einen Screenshot der relevanten Seite(n).

Mit etwas Geduld läßt sich der NARA-Bestand tatsächlich sehr effektiv nutzen. Für Familienforscher und historisch Interessierte bietet er einen ungewöhnlich direkten Zugang zu einer der wichtigsten personenbezogenen Quellen zur NSDAP.

Wichtige Punkte in der Zusammenfassung (TL;DR)

  • Die NSDAP-Mitgliederkartei im US-Archiv National Archives (NARA) umfaßt rund 80 % aller Parteimitgliedschaften von ca. 1927 bis 1945
  • Die zwei zentralen Karteien sind digital und öffentlich verfügbar: MFKL (Zentralkartei) und MFOK (Ortsgruppenkartei)
  • Karteikarten enthalten meist Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Beruf, Mitgliedsnummer, Eintrittsdatum und Wohnadresse
  • Suche im NARA-Katalog funktioniert über Stichworteingabe als Einstieg und dann manuelle Navigation in meist alphabetisch sortierten Mikrofilmrollen
  • Originalakten liegen heute im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, dort aber nur per schriftlicher Anfrage zugänglich


Hast Du schon einmal relevante Unterlagen aus diesem Bestand gefunden – digital im NARA-Bestand oder auch über das Bundesarchiv?

 

 

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