Ferne Heimat, neue Heimat: Russland, Estland und Deutschland

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade „Ferne Heimat, neue Heimat“, die der Heimatverein Hattingen/Ruhr (Nordrhein-Westfalen) anläßlich einer Sonderausstellung im „Museum im Bügeleisenhaus“ in Hattingen gestartet hat.


Mich fasziniert schon seit langem, welche Spuren Menschen in ihrer Heimat hinterlassen, aber auch, welche Spuren die Heimat in den Menschen hinterläßt. Als Heimat bezeichne ich für mich den Ort, der einen Menschen vor allem in der Kindheit, also den ersten 10-12 Jahren geprägt hat. Ort ist dabei für mich mehr als ein geographischer Punkt oder eine Verwaltungseinheit. Der Ort als Heimat umfaßt für mich zunächst die ganz nahe Umgebung – z.B. einen Hof in einem Dorf oder in der Stadt ein Wohnhaus, einen Straßenzug bzw. für mich als Berlinerin einen Kiez. Die Heimat umfaßt außerdem das Dorf oder die Stadt drumrum, zusammen mit prägenden Landschaft(sform)en, historischen Ereignissen, kulturellen Traditionen und nicht zuletzt der Sprache und Mentalität seiner Bewohner.

In dieser Hinsicht hat mich der Stadtteil Friedenau im Berliner Bezirk Schöneberg am meisten geprägt, in dem ich mehr als 22 Jahre meines Lebens gewohnt habe. Auch wenn ich heute dort nicht wohne, fühle ich mich dem Ort und inzwischen auch ganz Berlin auf eine ganz besondere Weise hin verbunden. Irgendwie. Heimat.

Bei fast allen meiner Vorfahren war die jeweilige Heimat nach dieser Definition zumindest geographisch eine ganz andere als meine. Interessanterweise haben sehr viele meiner Vorfahren die Heimat verlassen, auch unter Druck. Allerdings nicht als Folge des Zweiten Weltkrieges, sondern bereits früher. Zum Beispiel aus Rußland, Estland und Schlesien.

Meine Großmutter Jeanette mit ihren Brüdern Karl (l.) und Herbert (r.) Vorfahren finden Ahnenforschung | Foto: privat

Meine Großmutter Jeanette mit ihren Brüdern Karl (l.) und Herbert (r.) | Foto: privat

Ganz besonders berührt hat mich immer die Geschichte meiner Großmutter mütterlicherseits. Sie mußte 1917 im Zuge des Ersten Weltkrieges und der Russischen Revolution als 12-jährige Deutschstämmige ihre russische Heimat St. Petersburg (dann schon Petrograd) mit ihrer Familie verlassen. Anders als viele andere mit deutschen Wurzeln ließen sie sich aber nicht in den Grenzen des damaligen Deutschen Reiches nieder, sondern gingen nach Reval (dem heutigen Tallinn) in Estland (das sich 1918 dann unabhängig erklärte).

Estland war die Heimat meines Urgroßvaters Julius. Von dort verstreute sich die Familie Kruse in den 1920 und 30er Jahren in mehrere Länder: Deutschland, Brasilien und Österreich. Meine Oma verschlug es 1930 schließlich nach Berlin. Aber schon während des Zweiten Weltkrieges mußte sie durch Evakuierung Berlin wieder verlassen, diesmal mit den beiden Kindern, meinem Vater und meiner Tante. Erst ging es nach Kalisch im heutigen Polen, dann wegen des Vorrückens der Roten Armee wieder weiter westlich nach Thüringen. Also immer wieder: die Heimat verlassen.

Interessant fand ich die Geschichten der Familie schon immer. Irgendwann habe ich dann mit der Ahnenforschung angefangen, mich systematischer mit den Vorfahren, Orten und Ereignissen zu beschäftigen, die eine Rolle in der Familiengeschichte gespielt hatten. Denn natürlich bin ich geprägt durch die Erfahrungen meiner Vorfahren.

Über 50 Jahre mußte meine Oma warten, bevor sie ihre Heimat St. Petersburg (inzwischen Leningrad) wiedersehen konnte. Für uns ist es heute zum Glück einfacher geworden, ins Ausland zu reisen und auf den Spuren der Vorfahren zu wandeln. Ich habe in den letzten 25 Jahren mehrfach St. Petersburg und Estland bereist, und jedes Mal mußte ich feststellen: ich fühle mich irgendwie auf besondere Art damit verbunden, es war fast wie nach Hause zu kommen.


In vielen Familien gibt es Erfahrungen von Flucht und Vertreibung. Wie ist es bei Dir? Wie haben Dich die Erlebnisse Deiner Vorfahren geprägt?

 

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Ein sehr schöner Beitrag für unsere Blogparade, vielen Dank!